Ute Schlieper: In wenigen Jahren, so die Vision...
In wenigen Jahren, so die Vision, wird Arbeit weitgehend überflüssig: KI und Roboter übernehmen die Produktion, und die Menschen leben von einem „universal high income“, wie Elon Musk es nennt – einem Einkommen, das Überfluss garantieren soll. Ähnlich skizzierte die dänische Politikerin Ida Auken 2016 in einem Essay auf der Website des World Economic Forum eine Stadt, in der man nichts besitzt, alles per Sharing und Dienstleistung erhält und das Leben „nie besser“ war – inklusive der Nebenbemerkung, dass man keine echte Privatsphäre mehr hat.
Klingt das nach Paradies? Oder nach einer Welt, in der der äußere Rahmen dich entlastet, während der innere Sinn schrumpft?
Ohne eine Aufgabe, die dich beseelt, was tust du den ganzen Tag? Fernsehen? Scrollen? Den ganzen Tag diesen Seelenmüll konsumieren?
Der Kern unseres Daseins liegt nicht im Haben oder im Versorgtsein, sondern im Erkennen, wer wir wirklich sind – und das spielt sich in der Seele ab. Ein Leben ohne echte Herausforderungen, ohne Verantwortung, ohne die Reibung, die Wachstum erzeugt, ohne Familie und echte Liebe? Das bleibt leer, egal wie komfortabel die Oberfläche ist.
Abhängigkeit von Systemen wächst, während die Freiheit, etwas Eigenes zu schaffen und zu besitzen, schrumpft. „Du wirst nichts besitzen und glücklich sein“ ist kein Versprechen von Glück, sondern eine Umdeutung: Glück wird zur passiven Zustandsbeschreibung erklärt, die von außen geliefert wird. Wahres Glück entsteht nicht durch Garantien, Gadgets oder umverteilten Überfluss. Es wächst von innen, durch Liebe, durch Verbindung, durch das, was du selbst erfährst und gestaltest. Systeme können Zugang, Daten und Ressourcen steuern – deine Seele nicht.
Was aber, wenn genau diese Entlastung von Erwerbsarbeit der Menschheit die Zeit schenkt, sich ihrer geistig-seelischen Bewusstseinsentwicklung zu widmen? Wenn der materielle Überlebensdruck wegfällt und Raum entsteht für innere Arbeit, für Fragen nach Sinn, für Gemeinschaft jenseits von Nutzen? Wir können uns diese Welt kaum vorstellen – weder in ihrer Fülle noch in ihrer möglichen Leere. Wird die freigesetzte Energie in Bewusstsein fließen oder in Ablenkung, in neue Formen der Kontrolle, in die bequeme Verflachung? Wird Überfluss dich freisetzen oder dich abhängiger machen, weil alles, was du brauchst, von einer Infrastruktur kommt, die du nicht besitzt und nicht steuerst?
Ist das die Zukunft, in der du leben willst – eine, in der Arbeit optional ist, Sinn aber nicht automatisch folgt? Oder suchst du etwas Tieferes, das unabhängig davon bleibt, ob die Maschinen laufen oder nicht? Die Entscheidung, was du mit der Zeit machst, liegt nicht in der Technologie. Sie liegt bei dir.
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