Jan A. Karon: Dieses WM-Finale war, vorsichtig gesagt...
Dieses WM-Finale war, vorsichtig gesagt, ein denkbar schlechtes Aushängeschild für den Sport Fußball. Das Endspiel war über sehr lange Zeit sehr langweilig, um dann für sehr kurze Zeit sehr einseitig zu werden. Von den beiden Finalisten präsentierte sich mindestens eine Mannschaft, Argentinien, im Auftreten äußerst unsympathisch – nicht nur durch einen destruktiven, holzfällerhaften Fußball, sondern auch dadurch, dass man nach dem Abpfiffas das erschreckende Bild eines schlechter Verlierers abgab. (Paredes gehört nach seiner Attacke nach Abpfiff für längere Zeit gesperrt, wenn man mich fragt.) Spanien ist der absolut verdiente Weltmeister, aber dieses Finale war schlechte Werbung.
Insgesamt hat mich diese Weltmeisterschaft insgesamt erneut fußballverdrossener gemacht. Ironischerweise waren dafür nicht, wie von linken Kommentatoren vorausgesagt, die USA dafür verantwortlich: Diese erwiesen sich, soweit aus der Ferne zu beurteilen war, als durchaus passabler Gastgeber, der beeindruckende Kulissen bot und sich als als ein Land zeigte, das (seit Jahren) immer fußballbegeisterter wird. Aus europäischer Sicht haben, das gehört auch zur Wahrheit, die Anstoßzeiten genervt und dafür gesorgt, dass es schwer fiel, der WM mit ungeteilter Begeisterung zu folgen. Aber gut. An den USA (sowie Mexiko und Kanada) als Gastgeberländern und sämtlichen prognostizierten Schreckensszenarien lag es ganz sicher nicht.
Wesentlich schwerer wiegt der Befund, dass der moderne Fußball, den auch ich weiterhin verfolge und konsumiere, zunehmend als ein kaputtes Produkt erscheint. Dies beginnt bei den grotesken und inkonsistenten VAR-Entscheidungen – auch im Finale irrte der Schiedsrichter mehrfach fatal –, setzt sich fort über die korrupte Funktionärsebene rund um Infantino, die in der Rücknahme der roten Karte für Balogun nach einem Anruf von Trump einen vorläufigen Tiefpunkt setzte. (Es war auch nur konsequent, dass sowohl Trump als auch Infantino heute bei jeder Gelegenheit ausgepfiffen wurden und sich trotzdem nicht lumpen ließen, sich durch ein Photobombing bei der Siegerehrung lächerlich zu machen.) Die Krise des Produkts Fußball zeigt sich auch in »Hydration Breaks«, die inzwischen zu institutionalisierten Werbeblöcken geworden sind und sich nahtlos in das Bild von Emirates- und Qatar-Airlines-Stadien als kommerziellen Höllen einfügen; und schlichtweg zu vielen langweiligen Spielen. Hinzu kommen eingebürgerte Legionärstruppen mit immer geringerem Bezug zu den Ländern, die sie vertreten; doppelte Standards in Regelauslegung und Turniergestaltung; eine Inszenierung mit oftmals billigem Showcharakter, der nach Plastik schmeckt; sowie absurd überzogene Ticketpreise.
Am Ende bleibt das Gefühl eines Großereignisses, bei dem man sich zwar über die Erfolgsgeschichten von Underdogs wie Norwegen oder Kap Verde freut, einige großartige Spiele erinnert und in Person von Messi, Haaland, Kane, Mbappe, Cucurella oder Rodri beeindruckende Leistungen bestaunen konnte, insgesamt jedoch eine tiefe Entfremdung verspürt. Letztlich schien es vielen, so auch mir, gleichgültig, wer dieses Turnier gewinnt, da man für keinen der Finalisten oder für das kleinere Übel die Daumen drückte. Fußball bleibt nach wie vor ein Massenphänomen, aber er wirkt inzwischen so uniformiert, gekauft, weichgespült, kommerzialisiert und von seinen Fans entfremdet, dass es zunehmend schwerer fällt, echte Leidenschaft für diesen Sport zu empfinden. Und wenn es Fans am Ende einfach mehr oder weniger egal ist, wer das Turnier gewinnt, ist das kein guter Befund für den Sport.
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