Yvonne Kussmann: Heute vor drei Jahren...
Heute vor drei Jahren, am 4. Juli 2023 fiel das Urteil gegen den Mörder von Ece aus Illerkirchberg. Ich war beim Prozess anwesend und habe damals meine Eindrücke aufgeschrieben. Ich teile dies nochmal. Gegen das Vergessen:
Das einzig gerechte Urteil ist heute gefallen. Zumindest das einzig gerechte Urteil, über das der Rechtsstaat hier verfügt. Der Eritreer Okba B. wurde wegen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt.
Allen Verfahrensbeteiligten, auch dem Richter selbst, sah man an, wie sehr sie dieser Fall belastet.
Nur einer zeigte keinerlei Regung: der Täter.
Die Urteilsverkündung samt folgender Begründung dauerte rund eine Stunde. Während dieser Zeit verharrte Okba B. auf seinem Platz mit gesenktem Kopf. Auch sein Urteil nahm er ohne jegliche Reaktion auf. Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet. Es fiel mir schwer, ihn anzusehen und dabei dem Richter zuzuhören, was er getan hat.
In seinen Ausführungen stellte der Richter zwei Dinge klar, die in den vergangenen Wochen in der Presse missverständlich dargestellt wurden. Zum einen war es nicht so, dass der Täter mit dem Messer die Herausgabe eines deutschen Ausweises erzwingen wollte.
Vielmehr hat er sich am Morgen des 5. Dezember auf den Weg gemacht, um mindestens den zuständigen Sachbearbeiter im Landratsamt zu töten, vielleicht auch mehrere Angestellte. Er wollte töten, aus Rache, weil ihm der Ausweis noch nicht ausgestellt wurde. Man fand bei ihm auf einem Block, von ihm geschriebene Sätze, dass Deutsche schmutzig und Schweine seien.
Strafe, Strafe, Strafe stand dort auch geschrieben.
Zum anderen war es nicht so, dass er auf die zwei Mädchen zulief und dann auf sie einstach. Er ging noch viel perfider vor, weswegen auch das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt war. Er lief neben Ece und ihrer Freundin eine Weile her. Ece war direkt links neben ihm, das andere Mädchen, eine Deutsche, war also weiter weg von ihm. Sie griff er aber zuerst an. Er wollte also beide Mädchen töten, deswegen griff er erst das Mädchen an, das weiter weg war. Er stach ihr an Ece vorbei in den Rücken. Die Tatsache, dass das Mädchen gleich nachdem sie am Rücken was spürte, losrannte, ist der Grund, warum sie noch am Leben ist.
Ob Ece beim Fluchtversuch gestolpert ist oder vom Täter gestoßen wurde, konnte vor Gericht nicht aufgeklärt werden. 19 Mal hat der Täter zugestochen. Zumindest zeitweise kniete er dabei auf Ece. Alleine sieben Mal stach er dem Mädchen in den Kopf.
Der Richter sprach von purer Wut und Hass. Ece starb zwei Stunden später im Krankenhaus.
Die Mutter des Mädchens, das überlebte, hörte weinend den Ausführungen des Richters zu. Der Vater wirkte sehr angespannt….um nicht zu sagen, versteinert.
Sehr interessant waren die Ausführungen des Richters bezüglich der Schuldfähigkeit. So erklärte er ausführlich, dass es vier Möglichkeiten gäbe, die eine Schuldunfähigkeit begründen würden. Man müsse diese Eintrittspunkte, wie er es nannte, sehr kritisch, nachvollziehbar und eng bewerten. Auch welche das sind und warum der Täter keine dieser Voraussetzungen erfüllte, erläuterte er ausführlich. Ich wage zu behaupten, dass dieser Richter kein erstelltes Gutachten über eine paranoide Schizophrenie akzeptiert hätte, ohne dass der Gutachter sich mit dem Angeklagten überhaupt unterhalten hatte, wie es in anderen Prozessen der Fall war.
Vor Prozessbeginn fiel mir ein Fotograf durch sein pietätloses Verhalten auf. Er trug ein knallbuntes Hemd und stand mitten im Gerichtssaal mit seinen Kollegen, während er grölte und lachte wie im Bierzelt. Als ginge es gerade nicht um ein getötetes Mädchen sondern um ein gewonnenes Fußballspiel. Ein würdeloses Schauspiel.
Der Täter selbst machte überhaupt keinen gefährlichen Eindruck. Ich bin 1,68 m. Er ist kleiner als ich, sehr schmächtig, wiegt maximal 60 kg. Er sieht sehr jung aus. Nicht wie 27, eher wie 20. Ohne seinen Bart würde er wie ein Jugendlicher wirken. Die beiden Mädchen sahen sich sicherlich zuerst keiner Gefahr ausgesetzt, als sie ihm begegneten. Schwer zu begreifen, dass das diese Bestie ist, die 5 km von mir entfernt diese schreckliche Tat begangen hat.
Mir hat dieser Fall gezeigt, dass die Unterschiede zwischen uns, unseren Systemen und unserer Sozialisierung zu groß sind, als dass gesichert eine Integration und ein Zusammenleben möglich ist. Einzelfälle ja, aber nicht in diesen Massen. Der Täter lebte 7 Jahre hier völlig unauffällig. Ging arbeiten und war nicht vorbestraft. Er fiel sonst auch nicht negativ auf. Aber dann verlief sein Leben nicht so, wie er es sich wohl vorgestellt hatte. Seine Reaktion darauf beendete das Leben eines 14 jährigen Mädchens. Auch wir stehen im Leben manchmal mit dem Rücken zur Wand, fühlen uns mit den Herausforderungen überfordert. Nur töten wir dann nicht unschuldige Mädchen auf offener Straße, die gerade zur Schule gehen, weil wir uns eigentlich gerade auf dem Weg befinden, um städtische Angestellte zu erstechen. Tickende Zeitbomben, dieser Begriff trifft es ganz gut, glaube ich.
Die Eltern von Ece und die Eltern des deutschen Mädchens – der Name fiel, soll aber nach dem Wunsch der Eltern nicht veröffentlicht werden – sind mit dem Urteil zufrieden, wenn man diesen Begriff in diesem Zusammenhang verwenden kann.
Ich wünsche es ihnen sehr, dass ihnen dieses maximal mögliche Urteil auf ihrem weiteren Lebensweg irgendwie hilft, auch einmal wieder lachen zu können und nach vorne zu blicken. So unvorstellbar das jetzt auch sein mag.
Anmerkung heute: Der Täter ging in Revision, weil er die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld nicht akzeptieren wollte. Grund dafür war, weil er so schnell es geht wieder zurück nach Eritrea will. Also dorthin, von wo er angeblich fliehen musste.
Sein Leben in Deutschland sei gescheitert. Sein Leben. Nicht das von Ece, aus seiner Sicht. Der BGH verwarf die Revision, das Urteil wurde rechtskräftig. Dennoch kann Okba B. nach Verbüßen von mindestens 15 Jahren abgeschoben werden. In der Realität wird das wohl nach rund 18 bis 20 Jahren der Fall sein.
https://x.com/YveK22/status/2073351703932416192